Warum Auswanderer Schweden wieder verlassen, und warum ich nach 24 Jahren geblieben bin
Nicht jeder, der nach Schweden auswandert, bleibt. Manche gehen nach einem Jahr, andere nach zehn. Ich lebe seit über 20 Jahren hier und kenne die Zweifel von innen. In diesem Beitrag schreibe ich, woran es liegen kann, wenn Menschen wieder gehen, was mir beim Bleiben geholfen hat und wie du für dich herausfindest, was richtig ist.
Warum verlassen Menschen Schweden wieder?
In meinen ersten zehn Jahren hier habe ich Menschen beim Auswandern nach Schweden begleitet. Über mein damaliges Buch „Schwedentraum – Ein Erfahrungsbericht einer Auswanderung“ kamen immer wieder Hilfsanfragen. Unsere eigene Haussuche hatte noch mit Exposés per Post stattgefunden. Die digitalen Möglichkeiten, die heute selbstverständlich sind, hatten wir damals nicht.
Ich habe Menschen ankommen sehen und später auch wieder gehen. Manche nach neun oder zehn Jahren. In Gesprächen ging es darum, hier keinen Fuß zu fassen. Um fehlende Freunde und ein soziales Leben, das anders geblieben war als erhofft. Oder darum, beruflich nicht das erreicht zu haben, was man sich vorgenommen hatte.
Ich kann diese Gründe nachvollziehen. Wie schwer etwas wiegt, hängt auch davon ab, was ich persönlich brauche. Wenn mir vertraute Menschen fehlen, hilft mir die schöne Umgebung allein vielleicht nicht weiter.
Vorbereitung kann manches erleichtern. Ich kann schon vor dem Umzug einen Verein kontaktieren. Trotzdem bleibt das für mich ein Stück weit Trockenschwimmen. Wie sich mein Alltag hier tatsächlich anfühlt, erlebe ich erst im Land.
Auch durch meine Ausbildungen als Coach schaue ich dabei auf Erwartungen, Bedürfnisse und eigene Muster. Was brauche ich? Was habe ich mir erhofft? Und was bringe ich selbst mit, das ich bisher vielleicht noch gar nicht angeschaut habe?
Über den Unterschied zwischen Auswandern und Ankommen schreibe ich in Leben in Schweden: Ausgewandert, noch nicht angekommen.
Gab es bei uns einen Moment, in dem wir gehen wollten?
Ganz ehrlich: Ich kann mich an keinen Moment erinnern, in dem ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, wieder nach Deutschland zu gehen. Für meine Frau stellte sich diese Frage ebenfalls nie. Für uns war klar: Wir sind hier, und wir bleiben hier.
Dabei gab es durchaus Dinge, die mir gefehlt haben. Die Einsamkeit war da. Die Schwierigkeiten mit der Sprache auch. Trotzdem entstand daraus bei mir kein Wunsch, Schweden wieder zu verlassen. Für mich war klar, dass meine eigenen Themen mit mir umziehen. Auch an einem anderen Ort müsste ich mich mit ihnen beschäftigen.
Natürlich machen die Voraussetzungen eines Landes einen Unterschied. Für mich war aber entscheidend, was ich hier gefunden habe: Platz. Luft zum Atmen. Ich brauche Autonomie, und die kann ich mir hier geben. Das wiegt für mich so viel, dass die Frage nach einer Rückkehr gar nicht aufkam.
Wenn ich heute zurückblicke, gehören diese beiden Erfahrungen zusammen. Ich konnte mich hier einsam fühlen und trotzdem bleiben wollen. Mir konnten Kontakte fehlen, während ich gleichzeitig spürte, wie gut mir dieser Platz tat. Was mir Schweden in dieser Hinsicht ermöglicht, hat für mich mehr Gewicht als das, was schwierig geblieben ist.
Wie ich damals aus Deutschland weggegangen bin, erzähle ich in Leben in Schweden: Als ich Deutschland ohne Abschiedsschmerz verließ.
Was hat uns geholfen zu bleiben?
Der Platz, den ich hier habe, ist ganz konkret. Unser nächster Nachbar wohnt 300 Meter entfernt. Ich gehe etwa 50 Meter und bin mitten im Wald. Nicht auf einem angelegten Waldweg. Ich laufe tatsächlich durch den Wald.
Diese Umgebung gibt mir Freiheit. Niemand schaut mir auf den Teller. Ich höre keine Nachbarn schreien. Ich fühle mich hier sehr ungestört. Und trotzdem bin ich nach zehn Kilometern im Dorf.
Den Rückzug suche ich oft ganz bewusst. Ich genieße es, für mich zu sein. Das gehört zu dem Leben, das ich mir hier ausgesucht habe.
Das Fundament ist dabei meine Beziehung zu meiner Frau. Wir können uns hundertprozentig aufeinander verlassen. Diese Sicherheit hilft mir, hier Wurzeln zu schlagen. Wir haben immer wieder intensiv darüber gesprochen, was wir eigentlich wollen. Unsere Vorstellungen haben sich mit den Jahren weiterentwickelt.
Dabei war unsere Richtung von Anfang an klar: Wir wollten nach Schweden. Hier gab es etwas, das uns angezogen hat. Wir wollten hier leben. Das machte für uns einen großen Unterschied.
Mehr darüber, wie sich diese Freiheit im Alltag anfühlt, erzähle ich in Leben auf dem Land in Schweden.
Was bleibt in Schweden schwierig?
Schwer fällt mir heute eigentlich nichts, das ich mit Schweden selbst verbinde. Persönliche Schwierigkeiten gibt es natürlich. Aber die würde ich nicht am Land festmachen. Mir fällt weiterhin auf, dass ich deutsch bin. Das gehört zu mir und wird wohl auch so bleiben.
Was mir fehlt, merke ich besonders zur Weihnachtszeit. Ich würde gerne über die Weihnachtsmärkte in Köln gehen. Ich liebe Köln. Und ich vermisse die Möglichkeiten, in einer Großstadt spontan unter Menschen zu kommen. Das habe ich in Deutschland als viel einfacher erlebt als hier bei uns auf dem Land.
Unser Alltag hat umständliche Seiten. Schnee räumen gehört dazu. Ebenso die längeren Wege zur Schule, zum Einkaufen oder ins Einkaufszentrum. Das nehme ich gerne in Kauf. Ich habe mich für dieses Leben entschieden.
Verändert hat sich vor allem meine Haltung zum Tempo. Ich erinnere mich an aufgebrachte deutsche Reisende am Fährhafen in Helsingborg. Ihnen ging alles viel zu langsam. Ich sah das damals schon anders. Heute denke ich noch häufiger: Es wird sich lösen. Alles hat seine Zeit. Ich brauche dieses ständige Husch, husch nicht.
Auch die dunklen Abende gehören für mich zu diesem Leben. Warum ich sie mag, erzähle ich in Leben in Schweden: Ich mag die dunklen Abende.
Woran erkenne ich, ob Bleiben oder Gehen richtig ist?
Wenn mir jemand sagt, dass er in Schweden unglücklich ist und zurückwill, würde ich zuerst fragen: Was fehlt dir hier? Welches Bedürfnis wird in deinem Alltag nicht erfüllt? Für mich beginnt die Entscheidung mit dieser Klärung.
Geht es um Nähe und Kontakte, würde ich genauer hinschauen. Was bedeutet Nähe für mich überhaupt? Was erwarte ich von anderen Menschen, und was erwarte ich von mir selbst? Habe ich die Verbindung, nach der ich mich sehne, in Deutschland erlebt? Oder hat sie mir dort ebenfalls gefehlt? Dann wäre für mich offen, was eine Rückkehr daran verändern könnte.
Ich würde mir in dieser Situation einen Coach suchen. Ich möchte verstehen, was mich unglücklich macht und welche Möglichkeiten ich habe. Meine eigenen Erwartungen und Muster gehören für mich dabei genauso dazu wie die Bedingungen an meinem Wohnort.
Eine Rückkehr kann selbstverständlich eine gute Entscheidung sein. Schweden löst meine persönlichen Probleme nicht. Für mich ist es ein Ort geworden, an dem ich Wurzeln schlagen und Kraft sammeln kann. Wenn jemand das hier für sich nicht findet, muss er deshalb nicht bleiben. Ich sehe darin kein grundsätzliches Richtig oder Falsch.
Meine Erfahrungen mit Nähe, Erwartungen und eigenen Möglichkeiten beschreibe ich ausführlicher in Freunde finden in Schweden.
Was würde ich Menschen raten, die zweifeln?
Ich finde Zweifel gut. Sie stoßen Fragen an, die geklärt werden dürfen. Für mich gehört Mut dazu, genauer hinzuschauen: Was will ich eigentlich? Warum bin ich nach Schweden gekommen? Und passt das Leben, das ich hier führe, zu meinen Bedürfnissen?
Diese Fragen würde ich auch innerhalb einer Beziehung stellen. Wenn ich meinem Partner gefolgt bin, weil er hier glücklich ist, bleibt meine eigene Vorstellung vom Leben trotzdem bestehen. Vielleicht entdecken wir dabei unterschiedliche Wünsche. Das kann unbequem sein. Aber ich möchte wissen, ob ich meinen Bedürfnissen Raum gebe oder mich immer hintenanstelle.
Mein Rat wäre, sich Zeit zu lassen und die eigene Reaktion auf Zweifel anzuschauen. Was habe ich früher getan, wenn ich unsicher wurde? Bin ich einem vertrauten Muster gefolgt? Und was ist daraus entstanden? Ich würde prüfen, ob ich diesmal etwas anderes versuchen möchte.
Auch das Wort Scheitern würde ich hinterfragen. Wenn ich eine Auswanderung wage und später merke, dass es nicht passt, habe ich etwas über mich erfahren. Eine Rückkehr kann mich dem Leben näherbringen, das ich führen möchte.
Ich wünsche Menschen, die zweifeln, dass sie sich selbst besser kennenlernen. Vielleicht hat gerade das Leben in Schweden den Raum für diese Fragen geschaffen.
Wie sich mein Leben hier an einem ganz gewöhnlichen Tag anfühlt, beschreibe ich in Leben in Schweden: Wie sich ein gewöhnlicher Dienstag anfühlt.
Bleiben oder gehen: Was zu dir passt
Ob du bleibst oder gehst, ist keine Frage von Erfolg oder Scheitern. Es ist eine Frage, was zu dir und deinem Leben passt. Wenn du noch am Anfang stehst, findest du im Ratgeber Auswandern nach Schweden die Grundlagen. Wie Freundschaften hier entstehen, steht in Freunde finden in Schweden. Meine ganze Geschichte erzähle ich in meinem Buch Schwedentraum – Ein Erfahrungsbericht einer Auswanderung. Es ist als Neuauflage erschienen und enthält beide Bände.