Mein Schwedenleben
Leben in Schweden: Wenn ich jedes Wort verstehe und trotzdem nachfrage
Ich verstand jedes Wort. Trotzdem blieb ich mit ein paar Stühlen vor einer Tür stehen und wusste nicht, wer die fehlenden Tische holen würde. Eine kleine Geschichte darüber, wie viel manchmal zwischen zwei einfachen Sätzen liegt.
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Leben in Schweden: Ich verstand jedes Wort und wusste trotzdem nicht, was gemeint war
„Det ordnar sig.“
Der Satz fällt im Vorbeigehen, während ich mit einem Stapel zusammengeklappter Stühle vor einer Tür stehe. Ich verstehe jedes Wort. Das wird schon. Es regelt sich. Eigentlich ein Satz, der einen beruhigen könnte.
Nur weiß ich in diesem Moment nicht, was sich regelt. Und vor allem nicht, wer es regelt.
In dem Raum, den wir für den Nachmittag vorbereiten, fehlen noch ein paar Tische. Ich hatte danach gefragt. Mein Gegenüber hat gelächelt, den Satz gesagt und ist weitergegangen. Das kann heißen: Ich kümmere mich darum. Es kann heißen: Wir finden später eine Lösung. Vielleicht heißt es auch bloß: Mach dir jetzt keinen Kopf.
Ich stehe noch immer mit den Stühlen da.
So ein Augenblick gehört für mich zum Leben in Schweden. Ich kann Schwedisch sprechen. Ich kann Schwedisch verstehen. Trotzdem gibt es Gespräche, nach denen eine kleine Frage in mir zurückbleibt.
Leben in Schweden und die Worte dazwischen
Ich stelle die Stühle an die Wand. Einer hakt am anderen fest, und für einen Moment bin ich dankbar für dieses ganz gewöhnliche Problem. Einen Stuhl kann ich drehen. Ein Gespräch lässt sich nicht so einfach noch einmal in die Hand nehmen und richtig hinstellen.
Mein erster Gedanke ist, dass ich etwas überhört haben muss. Vielleicht war da ein jag oder ein vi, ein Ich oder ein Wir. Aber ich sehe die Szene noch einmal vor mir und finde nichts. Nur diesen freundlichen Satz.
Nach all den Jahren in Schweden sollte mich das eigentlich nicht mehr aus dem Takt bringen, denke ich. Dieser Gedanke ist meistens der Teil, der es schlimmer macht. Ich muss nicht mehr jedes Wort im Kopf übersetzen. Ich verstehe Witze, Einwände, beiläufige Bemerkungen. Und dann reicht ein einziges „Das wird schon“, damit ich plötzlich wieder unsicher vor einer Tür stehe.
Vielleicht wäre ich auf Deutsch genauso unsicher gewesen. Auch dort kann ein Satz vieles offenlassen. Aber in einer Sprache, in die ich einmal hineingewachsen bin, suche ich zuerst den Fehler bei mir. Ich frage mich, ob ich den Ton nicht getroffen habe, ob eine Pause etwas bedeutete, was ich nicht bemerkt habe. Aus einem fehlenden Tisch wird für ein paar Sekunden wieder die alte Frage: Verstehe ich das Leben hier wirklich so gut, wie ich glaube?
Ich mag diese Frage nicht. Sie ist viel zu groß für diesen Raum und diese Stühle.
Einmal nachfragen, obwohl ich die Wörter kenne
Ich gehe den Flur zurück. Aus einem anderen Zimmer höre ich Stimmen und das leise Schaben von etwas, das über den Boden geschoben wird. Die Person von eben ist noch da. Ich frage, ob die Tische schon unterwegs sind oder ob ich sie selbst holen soll.
Die Antwort kommt sofort: Die Tische stehen im Nebenraum. Wir tragen sie gleich zusammen hinüber.
Mehr war es nicht.
Ich spüre erst Erleichterung und dann ein bisschen Ärger über mich. Nicht darüber, dass ich gefragt habe. Eher darüber, wie schnell ich aus einer offenen Formulierung eine Geschichte über mein eigenes Nichtverstehen gemacht habe.
Wir holen die Tische. Einer ist schwerer, als er aussieht. Wir müssen ihn an der Tür noch einmal absetzen, weil wir beide gleichzeitig in dieselbe Richtung ausweichen. Wir lachen kurz darüber. Ich kann nicht sagen, ob das ein besonders schwedischer Moment war. Wahrscheinlich war es einfach ein Moment zwischen zwei Menschen und einem unhandlichen Tisch.
Später stehen die Stühle ordentlich im Raum. Niemand sieht ihnen an, dass ich ihretwegen für ein paar Minuten an meiner Sprachsicherheit gezweifelt habe.
Was von dem Satz geblieben ist
Auf dem Heimweg denke ich noch einmal an „Det ordnar sig“. Ich weiß inzwischen, was in diesem Fall gemeint war. Das heißt nicht, dass ich beim nächsten Mal immer sofort alles zwischen den Zeilen verstehen werde. Vielleicht muss ich das auch gar nicht.
Es gab Jahre, in denen ich jede Unsicherheit als Beweis dafür nahm, dass ich noch nicht ganz angekommen war. Heute ist mein Leben hier voll von Gesprächen, die ich verstehe, und ab und zu von einem, bei dem ich nachfrage. Beides gehört dazu.
Der Satz war freundlich gemeint. Die Tische sind an ihrem Platz. Und ich bin es auch, selbst wenn ich manchmal erst beim zweiten Anlauf begreife, wer sie holen sollte.
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