Mein Schwedenleben
Leben in Schweden: Wenn plötzlich alle zuständig sind
Am Band ging mein Handgriff in den nächsten über. Heute hat jeder seine eigenen Aufgaben – bis ein größeres Problem auftaucht. Dann wird wieder ein Wir gebraucht. Nur fühlt es sich inzwischen manchmal anders an.
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Leben in Schweden: Wenn plötzlich wieder alle zuständig sind
Am Arbeitsband konnte ich nicht einfach beschließen, heute nur mein eigenes Ding zu machen.
Vor mir wurde gearbeitet. Hinter mir wurde weitergearbeitet. Mein Handgriff gehörte zu den Handgriffen der anderen. Wenn es an einer Stelle stockte, blieb das selten nur das Problem dieser einen Person.
Vielleicht habe ich dieses Wir deshalb am Anfang meines Lebens in Schweden so unmittelbar erlebt. Es war kein schönes Wort für eine Besprechung. Es war nötig, damit die Arbeit funktionierte.
Ich musste die Menschen neben mir noch nicht besonders gut kennen. Wir mussten nicht befreundet sein. Aber wir waren aufeinander angewiesen.
Und das war für mich auch eine Form von Ankommen.
Am Band hatte das Wir einen Platz
Wenn ich heute daran zurückdenke, erinnere ich mich weniger an große Gespräche über Teamarbeit als an die Arbeit selbst.
Da war eine Reihenfolge. Ein Handgriff ging in den nächsten über. Ich sah, wo mein Teil begann und wo jemand anders übernahm. Natürlich bedeutete das nicht, dass immer alles leicht war oder alle einander wunderbar verstanden.
Aber der Zusammenhang war sichtbar.
Ich gehörte dazu, weil ich mitarbeitete. Weil mein Teil gebraucht wurde. Ich musste nicht erst herausfinden, ob hinter einem freundlichen Gespräch vielleicht irgendwann eine Einladung steckte.
Hier gab es etwas Gemeinsames, das wir jeden Tag tun mussten.
Das heißt nicht, dass ich nach der Schicht plötzlich einen neuen Freundeskreis hatte. Trotzdem war es ein gutes Gefühl, in diesem Ablauf meinen Platz zu finden.
Heute arbeitet jeder stärker in seinem eigenen Bereich
Inzwischen arbeite ich an einem anderen Arbeitsplatz. Auch die Aufgaben sind andere. Deshalb kann ich nicht einfach sagen: So war Schweden früher, und so ist es heute. Dafür vergleiche ich zu unterschiedliche Situationen.
Aber ich merke, dass sich das Wir für mich verändert hat.
Heute hat jeder stärker seine eigenen Aufgaben. Man weiß, wofür man zuständig ist. Man hat Dinge, die fertig werden müssen, und einen eigenen Arbeitstag, der sich auch ohne zusätzliche Überraschungen recht zuverlässig füllt.
Ich finde diese Klarheit durchaus angenehm. Ich möchte schließlich wissen, was von mir erwartet wird.
Nur hält sich ein größeres Problem selten an unsere Aufteilung.
Dann reicht es nicht, dass jeder ausschließlich bei seinen Aufgaben bleibt. Dann wird gemeinsames Nachdenken gebraucht. Jemand muss etwas sehen, das die anderen noch nicht gesehen haben. Jemand muss mithelfen, obwohl es nicht unmittelbar zum eigenen Bereich gehört.
Und plötzlich steht dieses Wir wieder im Raum.
Helfen wollen und trotzdem eine Grenze spüren
Ich helfe gern. Es wäre merkwürdig, wenn ich das nach all den Jahren und all den Situationen, in denen mir selbst geholfen wurde, anders sagen würde.
Aber ich merke auch: Gemeinsam an einem Problem zu arbeiten fühlt sich nicht automatisch für alle gleich an.
Wir haben unterschiedliche Aufgaben. Unterschiedliche Zuständigkeiten. Und unterschiedliche Gehaltsstufen.
Wenn bei einer größeren Schwierigkeit auf einmal alle beitragen sollen, verschwinden diese Unterschiede nicht einfach. Auch dann nicht, wenn die gemeinsame Lösung gerade dringend gebraucht wird.
Vielleicht hat jemand deutlich weniger Gehalt und soll trotzdem außerhalb seines eigenen Kompetenzbereichs mitdenken oder mitarbeiten. Währenddessen bleiben die ursprünglichen Aufgaben ja liegen. Sie erledigen sich nicht aus Höflichkeit selbst.
Da kann Unmut entstehen.
Nicht unbedingt, weil jemand keine Lust auf Zusammenarbeit hat. Sondern weil sich die Frage stellt, wie das zusätzliche Mithelfen zu dem passt, was sonst klar getrennt ist.
Ich kenne dieses Zögern: Ich sehe, dass Hilfe gebraucht wird. Gleichzeitig frage ich mich, was ich beitragen kann, wofür ich zuständig bin und was gerade von mir erwartet wird.
Das ist ein unangenehmes Gefühl. Denn niemand möchte die Person sein, die sich aus allem heraushält.
Das Wir macht Unterschiede nicht unsichtbar
Am Band war mir der Zusammenhang zwischen unserer Arbeit ständig vor Augen. Heute muss er bei manchen Problemen erst wieder hergestellt werden.
Vielleicht ist genau das ein Teil der Spannung.
Im normalen Alltag sind die Bereiche getrennt. Wenn es schwierig wird, sollen wir sie gemeinsam überbrücken. Das kann gut funktionieren. Es kann sogar erleichternd sein, wenn niemand mit einem Problem allein bleibt.
Es kann aber auch zwischen Kollegen knirschen.
Besonders dann, wenn nicht mehr klar ist, ob gerade eine helfende Hand gebraucht wird, eine zusätzliche Aufgabe übernommen werden soll oder jemand Verantwortung trägt, für die er eigentlich gar nicht vorgesehen ist.
Ich glaube nicht, dass jeder Beitrag auf den gleichen Lohnzettel hinauslaufen muss. Wir bringen unterschiedliche Erfahrungen und Kenntnisse mit. Aber ich finde, man darf die Unterschiede bemerken, ohne damit gleich das Miteinander abzulehnen.
Ich kann helfen wollen und trotzdem etwas unfair finden.
Beides passt in denselben Arbeitstag.
Auch das gehört zu meinem Leben in Schweden
Früher hätte ich vielleicht einfacher über Teamarbeit gesprochen. Ich hätte erzählt, wie wichtig das Wir an meinen schwedischen Arbeitsplätzen war. Und das wäre auch meine ehrliche Erfahrung gewesen.
Heute würde ich länger erzählen.
Von dem guten Gefühl, gebraucht zu werden. Von Kollegen, mit denen etwas gelingt, das allein schwierig geblieben wäre. Aber eben auch von Aufgaben, die sich verschieben, und von Spannungen, die nicht verschwinden, nur weil man gemeinsam an einem Tisch sitzt.
Mein Leben in Schweden ist mit den Jahren nicht weniger schön geworden, weil ich solche Dinge sehe. Mein Blick ist genauer geworden.
Ich sehe das Miteinander. Und ich sehe, was es Menschen abverlangen kann.
Manchmal denke ich an das Arbeitsband zurück. Dort konnte ich sehen, wie mein Handgriff bei den anderen weiterging.
Heute ist dieser Zusammenhang nicht immer so deutlich. Vielleicht wünsche ich mir deshalb manchmal etwas von dieser Klarheit zurück: zu wissen, was wir gerade gemeinsam tragen – und welchen Teil jeder von uns übernimmt.
Ich mag das Wir noch immer.
Ich möchte nur auch meinen eigenen Platz darin erkennen können.
Mehr ehrliche Geschichten über das Leben in Schweden
In meinem Buch „Das Leben in Schweden ist anders als du glaubst – Was Dir über Arbeit, Alltag und Miteinander kaum jemand erzählt“ schreibe ich über solche Erfahrungen: über das Ankommen, das Zusammenarbeiten und die Dinge, die man erst bemerkt, wenn aus dem neuen Land der eigene Alltag geworden ist.
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