Mein Schwedenleben

Warum man sich in Schweden trotz Fika ausgeschlossen fühlen kann

Du sitzt beim Fika mit am Tisch. Alle sind freundlich – und trotzdem fühlst du dich draußen. Eine ehrliche Geschichte darüber, warum Dabeisein noch keine Zugehörigkeit bedeutet und wie aus gemeinsamen Momenten langsam Nähe entstehen kann.

Warum man sich in Schweden trotz Fika ausgeschlossen fühlen kann

Du sitzt mit am Tisch – und fühlst dich trotzdem draußen

Dabeisein ist nicht immer dasselbe wie dazugehören.

Der Kaffee steht vor dir. Auf dem Tisch liegen Zimtschnecken, jemand reicht die Milch herum und alle reden durcheinander.

Es wird gelacht.

Du lachst mit – zumindest an den Stellen, an denen du verstanden hast, worum es geht.

Eigentlich ist alles gut.

Niemand ist unfreundlich zu dir. Niemand bittet dich zu gehen. Im Gegenteil: Man hat dir einen Platz angeboten, dir Kaffee eingeschenkt und gefragt, ob du auch eine Zimtschnecke möchtest.

Du sitzt mit am Tisch.

Und trotzdem fühlst du dich draußen.

Wenn äußerlich gar nichts passiert ist

Ich kenne dieses Gefühl. Es ist schwer zu erklären, weil äußerlich nichts geschehen ist, worüber man sich beschweren könnte.

Niemand hat etwas Verletzendes gesagt. Niemand hat dich offen ausgeschlossen. Und doch spürst du, dass zwischen den anderen etwas fließt, zu dem du noch keinen Zugang hast.

Sie kennen dieselben Menschen. Sie erinnern sich an dieselben Geschichten. Sie wissen, wer früher mit wem gearbeitet hat, wessen Kinder gemeinsam zur Schule gingen und was damals auf irgendeinem Sommerfest passiert ist.

Ein Name fällt und alle wissen sofort, wer gemeint ist. Eine kleine Bemerkung genügt und der ganze Tisch lacht.

Du lächelst mit und versuchst, die fehlenden Teile zusammenzusetzen. Aber dir fehlt nicht nur ein Wort.

Dir fehlt die gemeinsame Vergangenheit.

Anwesend, aber noch nicht angekommen

Gerade in Schweden wird Fika oft als Symbol für Gemeinschaft beschrieben.

Und das stimmt auch.

Fika kann Menschen zusammenbringen. Sie schafft eine Pause, in der man miteinander redet, lacht und für einen Moment die Arbeit oder den Alltag ruhen lässt.

Aber ein gemeinsamer Kaffee kann keine gemeinsame Geschichte ersetzen. Zumindest nicht sofort. Als ich nach Schweden kam, dachte ich manchmal:

Wenn ich eingeladen werde, wenn ich mit am Tisch sitze und wenn alle freundlich zu mir sind, dann gehöre ich doch jetzt dazu. So einfach war es nicht.

Dabeisein ist der Anfang. Zugehörigkeit entsteht häufig erst viel später.

Sie wächst aus wiederholten Begegnungen, kleinen Vertrautheiten und gemeinsamen Erfahrungen.

Aus Namen, die dir irgendwann ebenfalls etwas sagen. Aus Geschichten, bei denen du nicht mehr nachfragen musst.

Und aus dem ersten Insiderwitz, über den du nicht nur höflich, sondern aus vollem Herzen mitlachst.

Bis dahin kann es einsam sein. Besonders, weil sich diese Einsamkeit nicht immer zeigen lässt.

„Aber sie sind doch alle nett zu dir“

Vielleicht erzählst du zu Hause davon.

Du sagst, dass du dich bei der Arbeit, in einem Verein oder bei einer Einladung noch immer fremd fühlst.

Und jemand antwortet:

„Aber sie sind doch alle nett zu dir.“

Ja. Das sind sie. Doch Freundlichkeit und Zugehörigkeit sind nicht dasselbe.

Freundlichkeit öffnet dir die Tür.

Zugehörigkeit lässt dich irgendwann vergessen, dass du einmal draußen gestanden hast.

Dazwischen liegt manchmal ein langer Weg. Das bedeutet nicht, dass die anderen dich absichtlich ausschließen.

Häufig merken Menschen gar nicht, dass jemand am Rand sitzt. Für sie ist die gemeinsame Vergangenheit so selbstverständlich, dass ihnen nicht auffällt, wie viele Erklärungen einem neuen Menschen fehlen.

Auch die Sprache spielt dabei eine Rolle. Du kannst sehr gut Schwedisch sprechen und trotzdem nicht alles verstehen. Denn die schwierigsten Dinge stehen in keinem Wörterbuch:

  • ein Blick,

  • eine Pause,

  • eine Andeutung,

  • ein Name, der bei allen eine Reaktion auslöst,

  • das Wissen darüber, wann man etwas sagen darf und wann man besser wartet.

All das muss man nicht nur übersetzen. Man muss es mit der Zeit erleben.

Wenn du beginnst, den Fehler bei dir zu suchen

In solchen Situationen geschieht schnell etwas Gefährliches: Du fängst an, dich selbst zu überprüfen.

Bin ich zu still?

Bin ich nicht interessant genug?

Ist mein Schwedisch doch schlechter, als ich dachte?

Habe ich etwas Falsches gesagt?

Warum fragt mich niemand etwas?

Warum gelingt es mir nicht, Teil dieser Gruppe zu werden?

Doch nicht jede Distanz hat etwas mit dir zu tun. Manchmal sitzt du einfach zwischen Menschen, die sich schon seit vielen Jahren kennen. Menschen, deren Verbindung lange vor deiner Ankunft gewachsen ist.

Du bist nicht falsch. Du bist nur neu in einer Geschichte, die schon viele Kapitel hat.

Zugehörigkeit braucht gemeinsame Erinnerungen

Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem sich etwas verändert. Jemand greift eine Geschichte auf, die du beim letzten Mal erzählt hast. Eine Kollegin stellt dir nicht mehr nur eine höfliche Frage, sondern möchte wirklich wissen, wie es dir geht.

Jemand ruft dich an, obwohl es keinen praktischen Grund dafür gibt. Oder du sitzt wieder an diesem Tisch und plötzlich wird über etwas gelacht, das ihr vor einigen Wochen gemeinsam erlebt habt.

Dieses Mal kennst du die Geschichte. Denn du bist ein Teil davon. Vielleicht beginnt Zugehörigkeit genau dort:

Nicht in dem Moment, in dem dir jemand einen Stuhl anbietet. Sondern in dem Moment, in dem eine neue gemeinsame Erinnerung entsteht.

Du darfst den ersten Schritt machen

Es wäre schön, wenn die anderen immer bemerkten, dass du dich außen fühlst. Doch darauf kannst du manchmal lange warten.

Vielleicht musst du selbst eine Frage stellen. Vielleicht musst du erzählen, dass du die erwähnte Person oder Geschichte noch nicht kennst.

Vielleicht kannst du jemanden einladen, mit dir einen Kaffee zu trinken – nicht in der ganzen Gruppe, sondern nur zu zweit.

Nähe entsteht oft leichter zwischen zwei Menschen als an einem Tisch voller gemeinsamer Erinnerungen.

Natürlich ist das anstrengend. Besonders dann, wenn du bereits so viel Kraft dafür brauchst, die Sprache, die Regeln und die Zwischentöne zu verstehen.

Du musst nicht bei jeder Gelegenheit mutig sein. Du darfst auch einmal still dasitzen. Du darfst nach Hause gehen und traurig sein. Und du darfst dir eingestehen, dass Freundlichkeit allein manchmal nicht genügt.

Aus einem Platz am Tisch kann ein Zuhause werden

Nach mehr als zwanzig Jahren in Schweden weiß ich:

Ankommen geschieht selten in einem großen, feierlichen Moment.

Es geschieht in vielen kleinen Augenblicken:

  • ein Gespräch, das plötzlich persönlicher wird,

  • eine Nachricht, mit der du nicht gerechnet hast,

  • eine Einladung, die nicht nur aus Höflichkeit ausgesprochen wird,

  • ein Mensch, der deinen Namen erwähnt, obwohl du gerade nicht im Raum bist.

Und irgendwann sitzt du wieder mit am Tisch.

Der Kaffee steht vor dir. Jemand reicht die Milch herum und eine alte Geschichte wird erzählt.

Doch dieses Mal ist es nicht die Geschichte der anderen.

Es ist eure.

Du sitzt nicht mehr nur dabei.

Du gehörst dazu.

Mehr ehrliche Geschichten über das Leben in Schweden

Vielleicht kennst du dieses Gefühl:

Du wirst freundlich aufgenommen, sitzt mit am Tisch und fragst dich trotzdem, warum du dich noch immer nicht zugehörig fühlst.

In meinem Buch „Das Leben in Schweden ist anders als du glaubst“ schreibe ich über genau diese leisen Momente.

Über Arbeit, Alltag und Miteinander – und über die Unterschiede zwischen Freundlichkeit, Nähe und wirklichem Ankommen.

Nicht, um Schweden schlechtzureden.

Sondern damit du unterscheiden kannst:

Was gehört zum Land?

Was ist ein Missverständnis?

Und an welcher Stelle melden sich deine eigenen Erwartungen und alten Erfahrungen?

Mein Buch findest du hier: