Mein Schwedenleben

Freundschaften in Schweden: Warum Ankommen Zeit braucht

Schweden gelten als freundlich – doch Freundschaft entsteht nicht automatisch. Eine persönliche Geschichte über Nähe, Einsamkeit und echtes Ankommen in Schweden. Viele Zugewanderte erleben Schweden als höflich und freundlich, stellen aber fest, dass daraus nicht automatisch enge Freundschaften entstehen. Bestehende soziale Kreise, kulturelle Unterschiede und unterschiedliche Erwartungen können dazu führen, dass das Ankommen länger dauert. Persönliche Beziehungen entstehen häufig über Zeit, wiederholte Begegnungen und eigene Initiative. Fragen, die der Beitrag beantwortet: Ist es schwierig, in Schweden Freunde zu finden? Sind Schweden zurückhaltend? Wie findet man nach dem Auswandern Anschluss? Warum fühle ich mich in Schweden trotz freundlicher Menschen einsam? Wie lange dauert es, in Schweden anzukommen?

Freundschaften in Schweden: Warum Ankommen Zeit braucht

Freundschaften in Schweden: Warum Ankommen Zeit braucht

Ich weiß noch, dass ich die Schweden am Anfang unglaublich freundlich fand. Das meine ich auch heute noch so. Es wurde gegrüßt. Menschen waren höflich. Man half einem.

Wenn man mit der Sprache nicht weiterkam, wartete meistens jemand geduldig. Ich hatte nie dieses Gefühl: Du bist hier nicht willkommen. Und trotzdem gab es irgendwann einen Punkt, an dem ich mich gefragt habe:

Warum fühle ich mich dann manchmal trotzdem so draußen? Das ist schwer zu erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat.

Denn von außen sah eigentlich alles gut aus. Ich kannte Leute. Ich hatte Kontakte. Man redete miteinander. Man lachte.

Man fragte: „Hur är det?“ Wie geht es dir? Und irgendwann antwortet man automatisch: „Bra.“ Gut. Alles gut. Nur war nicht immer alles gut.

Manchmal hätte ich mir einfach gewünscht, dass aus diesem freundlichen Kontakt mehr wird. Nicht ständig. Nicht mit jedem. Aber dieses Gefühl von: Jetzt gehören wir langsam dazu. Das dauerte viel länger, als ich gedacht hatte. Ich hatte vorher nicht wirklich darüber nachgedacht, wie Freundschaften eigentlich entstehen. Im eigenen Land passiert vieles automatisch.

Schule. Arbeit. Kinder. Nachbarn. Freunde von Freunden. Du kennst die Codes. Du weißt ungefähr, wann etwas nur höflich gemeint ist und wann jemand wirklich Interesse hat. Du merkst Zwischentöne. Du kennst die Sätze. Die Gesten. Die kleinen Dinge. In einem neuen Land fehlt dir dieses Gespür erst einmal.

Jemand sagt: „Vi hörs.“ Wir hören voneinander. Und du denkst vielleicht: Schön, dann hören wir voneinander.

Und dann passiert nichts. Ist das jetzt unhöflich? War das nur so gesagt? Soll ich mich melden? Soll ich lieber nicht stören?Das klingt nach Kleinigkeiten. Aber aus sehr vielen Kleinigkeiten entsteht irgendwann Unsicherheit.

Ich habe mich durchaus gefragt, ob es an mir liegt. Bin ich zu direkt? Rede ich zu viel? Bin ich zu deutsch? Was auch immer das eigentlich heißen soll. Oder wollen die Leute einfach keinen engeren Kontakt?

Man muss aufpassen, dass man in dieser Phase nicht anfängt, ganze Länder über einen Kamm zu scheren. „Die Schweden sind so.“ „Die Schweden machen nie.“ „Die Schweden wollen nicht.“ Das stimmt genauso wenig wie jede andere pauschale Aussage. Aber wenn du selbst mittendrin steckst, fühlst du nicht statistisch. Du fühlst persönlich.

Dann sitzt du vielleicht nach einem netten Gespräch zuhause und denkst: Das war doch schön. Warum ergibt sich daraus nichts?

Und irgendwann kommt dann dieser Gedanke: Vielleicht wollen sie mich einfach nicht näher kennenlernen. Das kann weh tun. Gerade wenn du ausgewandert bist. Denn du hast ja nicht nur den Wohnort gewechselt. Du hast dein altes Netz zurückgelassen. Menschen, die dich lange kennen. Menschen, bei denen du nichts erklären musst. Freunde, bei denen du einfach klingeln kannst. Oder zumindest jemanden, der versteht, warum du über eine bestimmte Sache lachen musst.

Und plötzlich fängst du wieder bei null an. Mit Erwachsenenfreundschaften. Das ist sowieso nicht leicht. In einem anderen Land noch weniger. Bei mir hat sich das erst verändert, als ich irgendwann aufgehört habe, nur zu warten.

Das war wahrscheinlich einer meiner Lernprozesse. Ich hatte unbewusst erwartet, dass jemand kommt und sagt: So, jetzt gehörst du dazu. Natürlich passiert das nicht. Ich musste selbst den ersten Schritt machen.

Menschen fragen. Kaffee anbieten. Noch einmal fragen. Nicht nach einem „Heute passt es leider nicht“ denken: Die wollen nicht. Manchmal passt es wirklich einfach nicht. Und manchmal will jemand tatsächlich nicht. Auch das muss man aushalten. Nicht jede Begegnung wird Freundschaft. Nicht jeder nette Mensch wird ein enger Mensch.

Das ist in Deutschland genauso. Nur nimmt man es dort nicht so schnell kulturell persönlich.

Hier habe ich das am Anfang getan. Eine der Sachen, die mir geholfen haben, war Zeit. Ganz banal. Zeit. Menschen haben mich irgendwann nicht mehr als „die Deutsche“ wahrgenommen, die neu hier ist. Ich war einfach Petra. Man kannte sich. Man hatte sich öfter gesehen. Man wusste ein bisschen voneinander. Und irgendwann entstanden Dinge, die man nicht planen kann.

Ein längeres Gespräch. Jemand hilft dir bei etwas. Du hilfst jemand anderem. Man steht irgendwo zusammen und redet plötzlich nicht mehr nur über das Wetter. Diese Momente waren nie spektakulär.

Es gab keinen Tag, an dem ich dachte: Heute bin ich sozial in Schweden angekommen. So funktioniert das nicht. Es wuchs. Sehr langsam. Ich glaube, das ist überhaupt etwas, was beim Auswandern unterschätzt wird.

Wir planen Häuser. Arbeit. Finanzen. Sprache. Schule. Versicherungen.

Aber kaum jemand plant Einsamkeit ein. Oder dieses Zwischengefühl. Dass man zwar Leute kennt, aber noch niemanden richtig kennt. Dass man einen schönen Tag haben kann und abends trotzdem jemanden aus dem alten Leben vermisst. Dass man eingeladen sein kann und sich trotzdem noch fremd fühlt.

Das ist kein Widerspruch. Und es heißt auch nicht, dass die Auswanderung falsch war. Es heißt erst einmal nur: Beziehungen brauchen Zeit.

Heute sehe ich vieles anders. Ich weiß, dass schwedische Zurückhaltung nicht automatisch Ablehnung bedeutet. Ich weiß auch, dass Freundlichkeit nicht automatisch Nähe bedeutet. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Unterscheidungen. Und ich habe gelernt, nicht alles sofort auf mich zu beziehen. Manchmal sind Menschen einfach beschäftigt.

Manche haben ihren festen Freundeskreis seit Jahrzehnten. Manche sind vorsichtig. Manche passen nicht zu mir. Und bei anderen dauert es eben. Ich glaube, wenn mir das jemand früher gesagt hätte, hätte es mir geholfen. Nicht im Sinne von: Mach dir keine Sorgen, alles wird toll. So etwas hilft nicht.

Sondern einfach: Gib dir Zeit. Und gib den anderen auch Zeit. Du musst nicht nach einem Jahr hier zehn beste Freunde haben, um angekommen zu sein. Du darfst dich zwischendurch einsam fühlen, obwohl du dein Leben hier magst.

Du darfst Menschen vermissen. Du darfst genervt sein. Und du darfst trotzdem weiter versuchen, deinen Platz zu finden. Heute empfinde ich manche Freundschaften hier gerade deshalb als wertvoll, weil sie nicht sofort da waren. Sie sind gewachsen. Nicht groß angekündigt. Nicht dramatisch. Einfach langsam.

Und vielleicht passt das sogar ganz gut zu Schweden.

Mehr über das echte Leben in Schweden
In meinem Buch „Schweden ist anders als du glaubst – Was Dir über Arbeit, Alltag und Miteinander kaum jemand erzählt“ schreibe ich über genau diese Seiten des Auswanderns: über Erwartungen, Missverständnisse, Alltag und das langsame Ankommen.
Mehr Geschichten und Informationen findest du auf Schwedentraum.de.